Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft (GSI)
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Politische Theorie

Als politikwissenschaftliches Teilgebiet läßt sich die Politische Theorie in eine historische, eine normative und eine systematische Dimensionen differenzieren.

Ihre historische Dimension, die gemeinhin als »Politische Ideengeschichte« bezeichnet wird, ist grundlegend für die Politische Theorie, insofern sie nicht a priori auf einen bestimmten Politikbegriff rekurrieren kann. Vielmehr besteht ihre erste Aufgabe in der kritischen Reflexion darauf, daß das Verständnis von Politik als einem eigenständigen, abgrenzbaren Bereich der soziokulturellen Wirklichkeit keine anthropologische Konstante, sondern das Ergebnis bestimmter geschichtlicher Entwicklungsschritte gewesen ist. So ist erst infolge der von dem Althistoriker Christian Meier so genannten »Entstehung des Politischen bei den Griechen« die Begründung von Herrschaft als eine strikt weltliche Angelegenheit verstanden worden, die ausschließlich den Bürgern oblag, mithin demokratisch zu organisieren war, unabhängig von göttlicher Autorität oder philosophischer Wahrheit. Diese Entwicklung ist seitens der politischen Theologie des mittelalterlichen Christentums für rund anderthalb Jahrtausende durch die Idee des Gottesgnadentums der Herrschaft ersetzt worden, bevor sich an der Schwelle zur europäischen Neuzeit neuerlich das Bewußtsein dafür ausbildete, daß das Politische einer eigenen Logik gehorcht. Dies bildete die langfristige Voraussetzung dafür, daß die Idee einer »Herrschaft des Volkes, für das Volk und durch das Volk« (Abraham Lincoln) sich etliche Jahrhunderte später erneut durchsetzen konnte. Seither wird eine Bestandsbedingung demokratischer Ordnung darin erkannt, daß die Eigenlogik des Politischen weder religiös überformt noch ökonomisch korrumpiert oder anderweitig relativiert werden darf.

Auch alle anderen, gängigen politischen Begriffe wie Macht, Staatlichkeit, Souveränität, Gemeinwohl etc. sind politikwissenschaftlich solchermaßen in ihrer geschichtlichen Bedingtheit zu reflektieren.

Wie sich im vorstehend angedeuteten Beispiel des Politikbegriffs gezeigt hat, ist historische Dimension der Politischen Theorie weiterhin unmittelbar verbunden, aber nicht zu verwechseln mit ihrer gemeinhin als »Politische Philosophie« bezeichneten, normativen Dimension. Denn die Auseinandersetzungen über die Legitimität von Herrschaft, den Inhalt des Gemeinwohls etc. enthalten präskriptive Konzepte, deren Umstrittenheit bis heute einen Machtfaktor bildet, weil die Deutungshoheit über solche Begriffe politischen Einfluß verbürgt.

Letztgenannte kritische Einsicht führt zu der zentralen, dritten Dimension der Politischen Theorie, einerseits die Arsenalfunktion politischer Konzepte zu reflektieren und andererseits mit interdisziplinär orientierter, systematischer Arbeit an Begrifflichkeiten und Deutungsansätzen eine unverzichtbare Dienstleistungsfunktion für die anderen politikwissenschaftlichen Teildisziplinen einzunehmen, indem ein Verständnisrahmen für empirische Untersuchungen gespannt wird, was deren intensive Rezeption und Begleitung seitens der Politischen Theorie voraussetzt. Auf diese Weise vermag die Politische Theorie systematische Deutungsangebote für zentrale politische Gegenwartsprobleme wie »Fundamentalismus«, »Governance«, »Korruption« etc. zu machen.

Diese Dreidimensionalität der Politischen Theorie spiegelt sich am GSI auch darin strukturell wider, daß es einen Lehrstuhl für Politische Theorie und einen Lehrstuhl für Empirische Theorien der Politik gibt. Letztgenannter widmet sich in Lehre und Forschung vor allem der systematischen Dimension, während Erstgenannter in der grundständigen Lehre auch eine stark historische Ausrichtung zu verfolgen hat, zudem sowie in der Forschung aber ebenfalls vornehmlich an systematischer Theoriebildung interessiert ist.

Einführende Literatur

  • Marcus Llanque: Politische Ideengeschichte. Ein Gewebe politischer Diskurse, München/Wien: Oldenbourg 2008.
  • Christian Schwaabe: Politische Theorie, 2 Bde., München: UTB, 2. Aufl. 2010.
  • The Oxford Handbook of Political Theory, hg.v. John S. Dryzek/Bonnie Honig/Anne Phillips, Oxford etc. 2008