Didaktik der Sozialkunde
Die am GSI von PD Dr. Ambros Schor betreute Didaktik der Sozialkunde (oder auch: Politikdidaktik) ist die Wissenschaft vom sozialen und politischen Lernen insbesondere bezogen auf Kinder und Jugendliche an Schulen, die damit vor allem deren Probleme im Rahmen der politischen Sozialisation tangiert. Ihr empirisches und theoretisches Interesse bezieht sich zum einen auf Lernfelder, die generell zwischenmenschliche Bezüge betreffen, zum anderen auf die Wechselbeziehungen zwischen Individuum, Gesellschaft und Staat. Ziel der Politikdidaktik ist es, wissenschaftlich reflektierte Kriterien bereitzustellen, die es auf dem Feld der politischen Bildung erlauben, alltagstheoretische Begründungen für die relevanten Lernprozesse zu gewinnen. Solche Kriterien betreffen die Auswahl, Legitimation und Strukturierung von Lerngegenständen, die Festlegung und Begründung von Lernzielen, die methodische Strukturierung von Lernprozessen sowie die angemessene Berücksichtigung der Ausgangsbedingungen von Lernenden bei der Planung von Lernsituationen. Die Vermittlung von sozialkundlicher und politikdidaktischer Kompetenz ist daher unerlässlich für die Professionalisierung der Lehrtätigkeit in der politischen Bildung.
Als synoptische Wissenschaft leistet die Politikdidaktik eine Zusammenschau von Ansätzen und Ergebnissen der beteiligten Disziplinen (Politikwissenschaft, Soziologie, Wirtschafts- und Rechtswissenschaft, Pädagogik und Psychologie) im Hinblick auf Politik als das Formalobjekt bzw. die leitende Perspektive. Dabei ist davon auszugehen, dass Politik weit verzweigt im Gesellschaftlichen wurzelt: Alles, was im Rahmen von Sozialgebilden spezifisch sozialen Zwecken dient (z. B. Beziehungs-, Interaktions- und Kommunikationsstrukturen in Familie, peer-group, Verein oder Kirche) kann politisch relevant werden und hat somit Bedeutung auch für die politische Kultur. Dies gilt umso mehr, je offener ein politisches System für die Einflüsse aus der Gesellschaft und für die Partizipation ihrer Bürger ist.
Als praktische Wissenschaft widmet sich die Didaktik der Sozialkunde der pädagogischen Aufgabe der politischen Bildung. Als Vermittlungswissenschaft mit existentiellem Bezug versteht sie sich daher auch als Wissenschaft für das, was von so allgemeiner Bedeutung für das Leben (Überleben, gutes Leben) ist, daß man es lernen muss.
Die politische Fachdidaktik entfaltet und reflektiert die Planungsentscheidungen, die Lehrerinnen und Lehrer auf unterschiedlichen, jedoch eng miteinander verknüpften und sich gegenseitig bedingenden Entscheidungsebenen immer wieder treffen müssen.
Neben der institutionalisierten Reflexion über die Ziele, über die Auswahlkriterien für mögliche Lehr- und Lerninhalte, über die Lehr- und Lernbedingungen und die Organisation des Lernprozesses im Hinblick auf den Politik- bzw. Sozialkundeunterricht ist die Fachdidaktik der Politik vor allem auf Grundlagenforschung im Sinne allgemeiner und politischer Sozialisationsforschung (zum Beispiel als empirische Fachunterrichtsforschung) angewiesen. Politikdidaktische Grundlagenforschung untersucht Strukturen und Prozesse gesellschaftspolitischer Orientierungen und Handlung(sdisposition)en, das heißt fachbezogene Sozialisationsprozesse bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Lebenslauf sowie die darin liegenden Möglichkeiten und Grenzen politischer Bildungsarbeit.
Neben der Betreuung von Lehramtsstudentinnnen und -studenten in den Studiengängen Lehramt für Grundschule, Hauptschule, Sonderschule, Realschule und Gymnasium kann Sozialkunde auch als Nebenfach in den Diplomstudiengängen Wirtschaftspädagogik und (Wirtschafts-)Geographie gewählt werden.
Unabhängig von ihrer jeweiligen Fächerkombination können Lehramtsstudenten für Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschule Politikwissenschaft als Bereich gesellschaftswissenschaftlicher Studien im Rahmen des erziehungswissenschaftlichen Studiums wählen. Die eigens dafür ausgerichteten Lehrveranstaltungen beziehen sich thematisch auf die Grundbegriffe des politischen Denkens und der politischen Bildung, auf bildungspolitische Konzeptionen der Gegenwart und ihre Auswirkungen auf Staat, Gesellschaft und Wirtschaft sowie auf politische Aspekte von Schule und Bildungswesen.
PD Dr. phil. Ambros Schor, Oberstudienrat (geb. 1946), war mehrere Jahre als Lehre an Hauptschulen in Oberbayern tätig. Nach dem anschließenden Studium der Politikwissenschaft, der Neuen Geschichte, der Soziologie und Didaktik der Sozialkunde an den Universitäten München und Augsburg war er bis 1986 wissenschaftlicher Assistent im Fachbereich Didaktik der Sozialkunde an der Universität Augsburg; anschließend bis 1990 Universitätsprofessor auf Zeit für die Didaktik der Sozialkunde an der Freien Universität Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Fragen der politischen Sozialisation bei Jugendlichen sowie Probleme der politischen Kultur bei ausländischen Jugendlichen.